Ramona Richter

#rasendnachberlin mit Timo Benitz

SMS von Timo Benitz, am 04. Dezember 2017: „Ich laufe morgen früh sehr locker… Also so 4:30min/km. Wenn du magst, kannst ja mitlaufen. Mache so 8 bis 10km.“

Das lässt sich die rasende Reporterin natürlich nicht zwei Mal sagen. Entsprechend musste ich mich nur wie auf einen Wettkampf vorbereiten. Sprich, am Abend vorher noch einmal schön die Kohlenhydrat-Speicher füllen, rechtzeitig für einen kleinen Auftakt aufstehen und den Espresso hinterher.

Der Mittelstreckler musste sich ebenfalls anpassen und quasi direkt aus dem Bett in die Laufschuhe fallen – ohne Frühstück und bestenfalls noch mit muskulären Nachwehen vom Vortag. Einzig und allein aus dem Grund, dass ich nicht ganz amateurhaft daherlaufe, irgendwie Schritt halte und natürlich auch noch Rest Luft habe, um während des Laufens ein paar Worte zu wechseln. Außerdem hatte ich die Homestory ja noch vor mir und sollte mich jetzt nicht gleich zu Beginn verausgaben.

10km durch Hohenschönhausen

Timo trabte entspannt im Snooze-Modus vor sich hin. Aber ich muss mir da jetzt auch nichts vormachen und irgendetwas schön reden, schließlich ist Timo Benitz der EM-Kandidat und nicht ich.

Trotzdem habe ich es irgendwie gemeistert. Ich hatte nur die Befürchtung, dass der Endspurt-Ass auf den letzten Metern noch einmal anzieht. Das Gegenteil war der Fall, denn Timo drosselte beunruhigt das Tempo:

„Mein Schlüssel ist nicht da…“

Normalerweise verstaut Timo seinen Schlüssel immer in der Hosentasche und überprüft drei Mal, ob der Reißverschluss auch sicher zu ist. Allerdings war er offen und leer… wie auch alle anderen potentiellen Verstau-Möglichkeiten an seiner Laufkleidung. Aber auch wenn der Reißverschluss offen gewesen wäre, würde der Schlüssel nicht so einfach aus den eng anliegenden Tights rausfallen dürfen.

„Das kann eigentlich nicht sein. Ich glaube fast, dass ich den Schlüssel beim Schuhe-binden auf der Treppe liegen gelassen habe.“

Dort war aber nichts. Und es wurde auch kein Schlüssel abgegeben. Und jetzt?

Immerhin kamen wir schon einmal ins Treppenhaus, nachdem wir uns durch knapp 70 Klingeln arbeiten mussten, von denen mindestens die Hälfte nicht funktionierte. Das kann die Nerven grenzwertig strapazieren. Als wenn uns der Schlüssel nicht schon genug neuronalen Stress bereitete…

Irgendwann wurde uns aber endlich die Tür geöffnet und dank dem Hausmeister kamen wir zumindest mit einem Zweitschlüssel in die Wohnung.

Alles auf Anfang

„Ja Timo, noch einmal die Runde ablaufen, würde ich sagen…“

Sehr gutmütig der Hausmeister. Als wenn Timo nicht auch so schon auf seine Kilometer kommt. Und nicht, dass der Student, der mit 25 Jahren bereits zwei Bachelor in der Tasche hat, mit seiner Zeit sonst nichts Besseres anzufangen weiß. Aber wie sagt man so schön: Doppelt hält besser. Also auf zur zweiten Runde.

Vier Augen sehen mehr

Also schnappte ich mir sein Mountainbike und folgte radelnd. Allerdings war die Chance, einen kleinen silbernen Schlüssel auf einer zehn Kilometer langen Strecke zu finden, die hauptsächlich aus Waldboden bestand, natürlich sehr gering. Außerdem war der Boden durch den Regen extra matschig und von Spaziergängern überlaufen.

Zumindest dem Gewissen zu Liebe, zeigten wir Einsatz. Gingen aber nach erneuten zehn Kilometern leer aus.

Kein Schlüssel, keine Kraft, keine Lust

Auch das Klingel-Problem machte eine Ehrenrunde und ich blickte nur erfroren unter der Mütze und hochgezogenem Kragen hervor. Timo rannte noch einmal ums Haus und schaute, ob er von Außen jemand erwischte. Irgendwann kam dann zufällig ein Bewohner vorbei, der uns ins Haus ließ.

„Das kann doch alles nicht sein! Ich glaube wirklich, den Schlüssel hat jemand gefunden und erst einmal mitgenommen.“

Was ist mit dem Briefkasten?

Nichts…

Die Sache gab Timo natürlich keine Ruhe und ich erlebte eine eher ungewöhnliche Story, die weniger alltägliche Situationen beschreibt.

Schließlich entschied sich Timo, auch noch mal mit dem Rad sein Glück zu versuchen.

„Ich fahre aber nur noch mal die Waldstrecken ab. Denn sofern wir ihn auf der Straße verloren hätten, hätte man ja etwas gehört.“

Schlau…

Nach 20 Minuten war er wieder zurück. Wieder nichts. Wäre auch zu schön gewesen. Er schaute noch mal in der Verwaltung vorbei. Vielleicht wurde der Schlüssel mittlerweile abgegeben.

„Ramona…“

Ich blickte nur fragend hinter der Tür hervor: „Ja?“

„Hab ihn! Er wurde gefunden und abgegeben. Wusste ich es doch. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich ihn unterwegs verloren habe. Höchstens auf der Treppe vergessen. Dort hat ihn dann wohl auch mein Zimmernachbar gefunden und später abgeben.“

Einmal durchatmen bitte

Timo fiel sichtlich ein Stein vom Herzen. Mittlerweile war es 12 Uhr. Gegessen hatte Timo bislang auch noch nichts. Das Seminar um 12:15 Uhr am anderen Ende der Stadt hätten wir natürlich auch nicht mehr pünktlich erreicht. Also mussten wir es ausfallen lassen. Wie auch das zweite Training am Nachmittag. Aber das hatte Timo ja unweigerlich (zwar nicht Trainingsplanmäßig) bereits morgens abgespult.

Im streng getakteten Alltag eines Leistungssportlers sind spontane Zwischenfälle nicht immer leicht zu händeln. Bzw. es sind manchmal Minuten, die über einen reibungslosen Tagesablauf entscheiden.

Kein Raum für Spontanität – Platz muss man trotzdem finden

„Ich werde dann nach der zweiten Vorlesung noch mal in den Kraftraum gehen. Das ist zumindest ganz praktisch, denn die vom Spitzensport dürfen das Studio der Uni umsonst nutzen und ich muss vorher nicht erst wieder nach Hause.“

Die zweite Vorlesung dauerte bis 19:15 Uhr. Nach einem kleinen Lauf und kurzen Steigerungen ging es dann direkt dorthin. Gegen 20:30 Uhr war der Tag dann größtenteils geschafft. Die Hausaufgaben allerdings noch nicht.

Nach der gut 45 minütigen Fahrt zurück ins SLZB setzte sich Timo also noch einmal an den Schreibtisch. Vor Mitternacht geht hier eigentlich selten das Licht aus. Die zukünftige Absicherung ist ihm jedoch genauso wichtig, wie seine langfristigen Ziele im Sport.

Hier gibt es die Homestory noch einmal im Bewegtbild. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an Kevin Ellison für die Unterstützung!

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