Ramona Richter

100km von Biel 2017: Wenn der Kopf es nicht ins Ziel schafft

Während die einen schlafen, rennen die anderen die Nacht durch. Zum 59. Mal stand in Biel der prestigereiche Ultralauf über 100km an. Um 22:00 Uhr wurden die Extremläufer auf die Strecke geschickt und frühestens nach 7:28 Stunden war der Erste von Ihnen wieder im Ziel.

Der gebürtige Seeländer Rolf Thallinger konnte erstmalig das Rennen für sich entscheiden, nachdem er in den Jahren zuvor bereits fünf Mal auf dem Podest stand – leider war darunter nur nie der ersten Platz.

Genau eine Stunde später und mit 21 Minuten Vorsprung auf die Zweitplatzierte Marianne Okle aus Köniz konnte Ornella Poltéra nach 8:27 Stunden als erste Frau die 100km-Marke passieren.

Ebenso ehrwürdig sind die Leistungen der Ultramarathonis über 56km. Kay-Uwe Müller (3:47.02,5) und Branka Hajek (4:39.07,6) konnten diese als schnellstes hinter sich bringen.

Andere kamen gar nicht erst ins Ziel

Ein Rennen nicht zu beenden und aussteigen zu müssen, ist für jeden ambitionierten Sportler schmerzhaft. Besonders, wenn man rein physisch in der Lage gewesen wäre und bereits im Training stolze Longruns verzeichnen konnte.

Sebastian Harz ist einer von Ihnen, der sich die 56km nicht nur zugetraut hat, sondern auch hätte rennen können. Aber es bleibt wie so oft auf den Ultradistanzen ein wagemutiges und unberechenbares Vorhaben.

Sebastian Harz beim Limberglauf in Ranis.

Hinter Sebastian liegen genau 18 Wochen, in denen er 1756 Trainingskilometer sammelte. Also knapp 92km im Wochendurchschnitt. Maximal kam er auf 128km und das, obwohl er tagsüber im Laufladen in Jena arbeitet und dort natürlich auch so manche extra Schritte verbuchen kann. Neben Intervallen und Tempodauerläufen über 10km, standen zuweilen auch Dauerläufe von bis zu 50km auf dem Plan. Und natürlich die wöchentlichen Krafttrainingseinheiten:

„Dadurch werden Verletzungen und Überlastungen vorgebeugt und man wird insgesamt belastungsverträglicher. Zur Regeneration stand zudem einmal wöchentlich ausgiebiges Saunieren auf dem Plan.“

Alles Maßnahmen, die ihn rein physisch für den Start über 56km wappnen sollten. Denken und sich verpflegen geschah dabei Häppchenweise. Alle 10km ein Gel und sonst nur stilles Wasser, während der Kopf sich das Rennen in 5km-Etappen einteilte:

„Ich glaube, je mehr Gedanken man sich über das Rennen macht, umso schwieriger wird so ein Projekt. Vielleicht liegt hierbei auch mein Schwachpunkt für das Laufen von Strecken jenseits der Marathondistanz.“

Im Training hat es Sebastian bislang auf den letzten Kilometern immer geholfen, in Gedanken ein Lied zu singen. Aber so weit kam er dieses Mal nicht…

Der Start verlief an sich noch sehr entspannt, was bei solchen Streckenlängen natürlich auch so sein sollte. Die ersten fünf Kilometer verliefen über einen Rundkurs durch die Stadt. Hier hieß es erst einmal sein Tempo finden und sich im Idealfall in einer guten Gruppe einordnen.

„Leider habe ich von Anfang an gemerkt, dass ich nicht wirklich auf den Wettkampf konzentriert war. Ich habe mich von zu vielen Kleinigkeiten ablenken lassen.“

Das Tempo passte aber, zumal der erste Streckenteil etwas wellig war und Sebastian geplant hatte, einen negativen Split zu laufen.

„Leider kamen ab Kilometer 15 leichte Kopfschmerzen dazu und ab 25 habe ich auch in den Beinen gemerkt, dass die Lockerheit fehlt.“

So fiel er immer weiter zurück und wusste, dass er nicht mehr zulegen konnte und einfach auch gedanklich schwer hinterher kam.

Kilometer 33: „Ich steige aus!“

Allerdings setzte er doch noch mal fünf Kilometer drauf, um von der nächsten Verpflegungsstelle (38km) mit einem Shuttle Richtung Ziel gebracht werden zu können.

Das zeigt, dass er das Rennen zwar physisch aber scheinbar einfach nicht mental beenden konnte.

Allein der Supermarathon aus dem Jahr 2002, wo er beim beim Rennsteiglauf 72km hinter sich ließ und im Rahmen der Deutschen Ultramarathonmeisterschaft in der AKU23 den dritten Platz belegen konnte, zeigen, dass er durchaus in der Lage ist, Kopf und Beine zu bezwingen.

Auch wenn der Erfolg ausblieb, ist er trotzdem ein Schritt weiter.

„Mit etwas Abstand möchte ich sagen, dass ich schon ziemlich mit mir selber zu kämpfen habe. Das Projekt ist zwar gescheitert, aber eben nicht nur als reine Niederlage anzusehen. Ich habe für mich die Gründe analysiert und kann daraus für die nächsten Wettkämpfe nur lernen.“

Sebastian: „Erfolg ist ein schönes Zubrot beim Laufen.“

Sebastian beim Chemnitzmarathon vor André Pollmächer.

„Man wird für den Einsatz und die Opfer belohnt. Allerdings ist es auch mich nicht das wichtigste im Sport. Entscheidender ist es, seine eigenen Möglichkeiten auszuloten und die eigenen Grenzen zu erreichen und zu verschieben. So wird auch das Bewusstsein für den eigenen Körper verbessert.“

Niederlagen gehören dazu

„Beim Laufen versuche ich dann natürlich erst einmal herauszufinden, woran es lag und an welcher Stellschraube es zu drehen gilt. Dann hilft es mir immer ganz gut, mir gleich neue Ziele zu setzen.“

Fokus!

„Letztendlich muss man sich auf meinem Leistungsniveau immer sagen, dass man kein Geld damit verdient und die nächste Chance schon bald auf dich wartet.“

Trotzdem ist das Laufen ein wichtiger Bestandteil in Sebastians Leben (geworden).

„1993 haben zwei Freunde und ich eine Wette abgeschlossen, wer schneller über 5km ist. Wir haben uns dafür den Eisenberger Mühltallauf ausgesucht. Nach ein paar Wochen Vorbereitung war ich noch als einziger übrig und bin somit im März 1993 mein erstes Rennen gelaufen. Danach war es dann erstmal wieder ruhiger bis zum Herbst 1994 als in meiner Heimatstadt ein Volkslauf stattfand. Dort hatte ich mich für die kurze Strecke über 2,5km angemeldet. Der Start war mit allen anderen Laufstrecken zusammen. So liefen wir im großen Feld los. Leider, oder zum Glück, habe ich den Wendepunkt verpasst und bis quasi aus Versehen die 12km Strecke gelaufen. Dabei ist es dann geblieben und ich bin endgültig beim Laufen gelandet.“

In den nächsten Jahren hat sich Sebastian bei den Volksläufen in Thüringen sofort die jeweils längstmöglichste Strecke ausgesucht. Bis er 2002 wie gesagt seinen ersten Ultra finishte.

Wie viel Spaß und Ernst findet man bei dir im Training?

„Ich denke, dass das bei mir zusammengehört. Man schaut schon häufig auf die Uhr. Passt die Zeit, ist die Herzfrequenz auch nicht zu hoch, usw… Auch das ernsthafte Einhalten des Trainingsplans in der Wettkampfvorbereitung gehört für mich dazu.“

Aber selbstverständlich darf der Spaß nicht zu kurz kommen und gerade, wenn man mit Freunden trainiert, ist der Spaßfaktor auf jeden Fall gesichert.

Sebastians Ziel: so lange wie möglich sein Leistungsniveau zu halten.

Über Bestzeiten wird natürlich auch nachgedacht, wobei es hier mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird, noch etwas zu erreichen. Dabei ist es manchmal aber auch eine kleine Motivation, den jüngeren Läufern und Triathleten Paroli bieten zu können.

Blick nach vorne!

Die nächste Gelegenheit ist am 24. Juni bei der Rennsteigstaffellauf im Thüringer Raum. Dabei teilen sich zehn Läufer auf festgelegten Etappen und Wechselstellen die anfallenden 170 Kilometer von Blankenstein nach Hörschel. Erst danach verabschiedet er sich in die verdiente und notwendige Saisonpause.

Und das bedeutet: einfach mal nur lesen, mit Freunden ins Kino gehen, etwas Leckeres kochen oder plump auf der Couch liegen und vor sich hin regenerieren. Das tut Sebastian immer, wenn er zur Ruhe kommen muss. Zwar kann er diesen Modus jetzt nicht Wochen durchhalten und das Laufen wird auch in dieser Pause einen bewegten Ausgleich bringen, aber die Wochenkilometer werden erst einmal klein gehalten. Dann wird nicht trainiert, sondern einfach nur gelaufen. Heißt aber dennoch: später als 6 Uhr werden die Laufschuhe nicht geschnürt. Der kleine Early-Birdler rennt am liebsten ganz früh morgens.

Allerdings darf sein Perfektionismus – zumindest was seine sportlichen Ambitionen angeht – erst einmal aufweichen und auch mental gilt es einiges sacken zu lassen. 

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