Ramona Richter

#throwback 2017 – Reset oder Standby?

Noch vor wenigen Wochen ließen viele das vergangene Jahr im Rahmen eines Silvesterlaufs Revue passieren. Dabei ging es nicht nur darum, die Jahreskilometer abzurunden, sondern auch die ein oder andere Rechnung zu begleichen.

 

Wie beenden Sportler das Jahr? Natürlich sportlich im Rahmen eines Silvesterlaufs. Die Läufe in Trier als auch Bietigheim zählen dabei zu den bekanntesten in Deutschland. Dementsprechend viele namenhafte Gesichter aus der Laufszene trafen dort pünktlich zum Jahresabschluss noch einmal aufeinander.

Die guten Vorsätze der meisten, im neuen Jahr mehr Sport zu treiben, gilt für die Profis eher weniger. Allerdings haben auch sie mit der anstehenden Leichtathletik EM in Berlin ein Ziel vor Augen, was natürlich weiterhin intensives Training erfordert.

Neues Jahr, neue Ziele

Bevor die Vorbereitungen dafür los- bzw. weitergehen, ist jedoch erst einmal ein Jahr geschafft und sportlich gemeistert. Das verdient nach den vorerst letzten Schritten beim Silvesterlauf anschließend den ausgelassenen Abschied auf der Silvesterfeier. Die monatelange, strenge Disziplin, körperliche aber auch psychische Belastung darf sich hierbei genüsslich entladen.

Das Jahr über pendeln Leistungssportler nämlich zwischen gegensätzlichen Extremen: Erfolg oder Niederlage, Motivation oder Missmut, Zuversicht oder Hoffnungslosigkeit. Es ist eine Leidenschaft, die bekanntlich auch Leiden schafft.
Sie gehen aufs aufs Ganze. Fokussiert, konzentriert, bedingungslos. Eine Passion, die professionell ausgelebt wird. Es sei ihnen daher gegönnt, einfach auch mal loszulassen und feierlich über die ‚Strenge‘ zu schlagen.

Offene Rechnungen begleichen

Bis aber das Laufdress gegen schicke Abendkleidung ausgetauscht wird, bietet der Lauf die Gelegenheit, das Jahr auch sportlich im guten Gewissen zu verabschieden. Insbesondere, wenn es in den vergangenen Monaten nicht so lief, wie erhofft und man immer wieder aufs Neue mit Rückschlägen zu kämpfen hatte.

So auch Tabea Themann (Laufteam Haspa Marathon Hamburg). Die 25-Jährige ist ein gutes Beispiel dafür, wie großes Potenzial darauf wartet, endlich zum Zuge zu kommen. Aber die Umstände erlauben es manchmal einfach nicht, kontinuierlich am Talent zu feilen – aufgrund von Verletzungen, Krankheiten oder privaten Dinge, die einen aufs Gemüt schlagen und ein normales Training einfach nicht ermöglichen.

Du bist, was du läufst

Leider ja, denn oft wird nämlich nur auf das Ergebnis eines Wettkampfes geschaut. Entsprechend wird Leistung halbherzig und geringwissend bewertet. Und auch das wieder wirkt sich rückwirkend auf den Sportler aus, der versucht, Erwartungen zu entsprechen bzw. endlich zu beweisen, was in ihm steckt.

An Silvester geht es aber weniger um den Beweis nach außen, sondern viel mehr um eine innere Genugtuung.

Nachdem es bei Tabea nämlich auch in den Tagen über Weihnachten eher schleppend verlief, konnte sie in Trier mit 17:06 Minuten über fünf Kilometer das Rennen als sechs Schnellste unter den deutschen Frauen souverän beenden und sich damit selbst etwas zurückgeben. Genau das, was man unterwegs verliert: Selbstvertrauen und Mut. Trotzdem beweist Tabea immer wieder vor allem eines, dass sie allem mit Lebensfreude trotzt. Sie hat stets Restenergie, um andere aufzuheitern und über eigene Durstrecken hinwegzusehen.

Tabea Themann (rechts) und Katharina Nüser
starten beim 28. Silvesterlauf in Trier #einwandfrei ins neue Jahr

Reset oder Standby

Während jeder das Jahr für sich Revue passieren lässt, drücken die einen am Ende entweder bewusst auf Reset und andere wiederum nur zeitweilig auf Standby. Wie auch Konstanze Klosterhalfen, die in Trier erneut eindrucksvoll beweisen konnte, dass sie nicht grundlos mit ihren jungen Jahren schon in der Weltspitze angekommen ist. Die 20-Jährige ließ jegliche Konkurrenz hinter sich und konnte das Rennen in 15:32 Minuten für sich entscheiden.

Die erst 20-Jährige Konstanze Klosterhalfen hält selbst die starken Afrikanerinnen  beim 28. Silvesterlauf in Trier in Schach.

Auch die Marathonläuferin und WM-Teilnehmerin Katharina Heinig (LG Eintracht Frankfurt), die beim Frankfurt Marathon im vergangenen Jahr bereits die EM-Norm unterbieten konnte, setzte in Trier nach und konnte das Jahr als zweitschnellste Deutsche und neuer persönlicher Bestzeit (16:20min) souverän für sich beenden.

Katharina: „Anfangs hatte ich zuerst sehr schwere Beine und ich dachte nur: ‚Das kann ja was werden.‘ Das Renntempo war auch ein anderes, als ich es im Marathon natürlich gewöhnt bin. Aber im Marathon werden die Schweine bekanntlich erst gegen Ende fett und so konnte ich auf den letzten Metern noch mal nachziehen. Guter Abschluss. Hat Spaß gebracht! Jetzt freue ich mich aber erst einmal auf die Silvesterfeier!“

Die Hindernisläuferin und Vereinskollegin von Tabea – Jana Sussmann – stellte mit nur einer Sekunde plus auf Katharina Heinig ebenfalls eine neue Bestzeit über fünf Kilomter auf (16:21min). Auch für die 27-Jährige war das ein persönlicher Erfolgsbonus, nachdem sie 2017 erstmalig die 9:40:00-Minuten-Marke über 3.000m Hindernis unterbieten konnte.

Jana: „Es lief derbe gut! Ich bin voll schnell gelaufen, wie ich finde und habe mich mit der Platzierung später selbst überrascht. Die anschließende Feier im Hotel mit coolen Leuten, leckerem Essen und guter Musik war total toll! Ein paar Regensburger und ich haben getanzt, bis der DJ fünfmal ein letztes Lied gespielt hat und keine Lust mehr hatte!“

Knappes Duell zwischen Katharina Heinig und Jana Sussmann
beim 28. Silvesterlauf in Trier. 

Zuversichtlich Richtung EM 2018

Auch Hendrik Pfeiffer (TV Wattenscheid 01) hatte allen Grund zum Feiern. Nach dem er 2016 verletzungsbedingt auf die Olympia-Teilnahme verzichten musste, kann sich der 25-Jährige endlich wieder auf ein Großevent freuen. Anfang Oktober konnte auch er beim Köln Marathon die geforderte Norm von 2:14:00 Stunden unterbieten und sich für die Heim-EM empfehlen. Der sportliche Jahresabschluss glückte ebenfalls und mit 23:47 Minuten wurde er zweit-schnellster Deutscher. Nur Martin Sperlich (VfB LC Friedrichshafen) lief die acht Kilometer lange Strecke noch einmal drei Sekunden schneller.

Hendrik: „Vorne haben sich die Afrikaner abgesprochen und sind auf ein Zeichen hin weggezogen. Dahinter kam dann die Deutsche Gruppe mit Sperlich, Pflieger und mir und wir haben nach und nach Leute eingesammelt. Im Spurt hatte ich natürlich keine Chance gegen Sperlich aber einen Neuseeländer habe ich noch erwischt. Solides Rennen, eine etwas windbedingt schwache Zeiten aber darum ging es hier auch nicht.“

Auch der erste Wettkampf im neuen Jahr glückte und sicherte zeitgleich den letzten Leistungsachweis für die EM. Als Neunter insgesamt und schnellster Deutscher unterbot Hendrik die geforderten 65:30min beim Halbmarathon in Doha deutlich: 1:04:12h. Jetzt geht es auch für ihn zurück in Trainingslager. 

Sport verbindet

Auch für die Hindernisläuferin Gesa Krause (Silvesterlauf Trier) verlief das Jahr zweispurig. Auf der einen Seite brachte es große Erfolge mit sich – wie der neue Deutsche Rekord über 3.000m Hindernis. Auf der anderen Seite allerdings auch einen schmerzlichen Rückschlag: die WM in London.

Es sind Bilder, die unser Mitgefühl aber gleichzeitig auch großen Respekt hervorbringen: im Rennen über 3.000m Hindernis kommt Gesa unweigerlich ins Stolpern, nachdem ihr eine Mitstreiterin wortwörtlich unter die Füße rennt. Gesa verletzt sich, kämpft sich dennoch eisern ins Ziel. So kann sie zwangsläufig nicht ihr Potenzial abrufen, geht am Ende aber trotzdem als ‚Siegerin‘ (der Sport- und Menschlichkeit) hervor.

In Trier reichte es mit 16:37 Minuten ’nur‘ für den fünften Platz unter den deutschen Frauen. Dennoch war die 24-Jährige glücklich, das Jahr im Heimtrikot und mit ihrer Familie und ihrem Freund beenden zu können.

Gesa Krause (rechts) und Katharina Heinig verbindet eine langjährige Freundschaft. Hier ebenfalls beim 28. Silvesterlauf in Trier.

Es sind auch nur Menschen

Auch die Bilder vom Olympioniken Philipp Pflieger (LG Telis Finanz Regensburg) haben uns erreicht, der im Top-Trainingszustand beim Berlin Marathon an den Start ging, um u.a. den Leistungsnachweis für die EM zu erbringen, dann aber unerwartet aussteigen musste.

Wie weggetreten taumelte der 30-Jährige völlig entkräftet vor sich hin und fiel schließlich einem Zuschauer in die Arme. Sein späterer Social-Media-Aufruf, um den Zuschauer ausfindig zu machen und um sich bei ihm noch einmal persönlich zu bedanken, war eine starke Geste.

Ein Zuschauer stützt Philipp Pflieger, nachdem dieser auf den letzten Kilometern des Berlin Marathons (24. September 2017) völlig entkräftet jegliche Orientierung verloren hatte. (Quelle: rbb)

Und wieder sind es diese Gegensätze

Eindrucksvolle Höchstleistungen vs. Momentaufnahmen, in denen wir ganz verletzlich sind und nahbar. Umso schöner, Philipp wieder guten Mutes in Trier laufen und nach vorne blicken zu sehen.

Philipp: „Was nehme ich aus 2017 mit? Das gute Gefühl, dass harte Arbeit früher oder später immer belohnt werden wird und wenn das nun in 2018 der Fall sein sollte, ist mir das auch Recht.“

Im Frühjahr wird er dann wie die meisten schließlich versuchen wollen, die EM-Norm zu erfüllen. Aber erst einmal genoss auch er den Jahresabschluss in Deutschlands ältester Stadt.

Philipp: „Trier ist nicht nur für seinen wahnsinnig stimmungsvollen Silvesterlauf bekannt, sondern auch für die legendären After-Show-Parties und das lasse ich jetzt einfach mal so im Raum stehen…“

Auch Profisportler können nicht immer nur leisten und funktionieren. Sie sind auch nur Menschen, denen es erlaubt sein muss, auch mal nur Durchschnitt zu sein. Es bedarf nicht immer nur Leistungsnachweise, damit man ihnen das Vertrauen entgegen bringt.

Glücklicherweise aber gibt es die Familie und Freunde, die genau das tun: nämlich das Vertrauen in uns nicht zu verlieren und uns zur Seite zu stehen, während sich andere abwenden.

Deshalb ist der Silvesterlauf mehr als nur ein Lauf und die Feier nicht nur eine von vielen, sondern DIE eine von nur sehr wenigen im Jahr eines Leistungssportlers.

Zum Jahreswechsel treffen alle Emotionen geballt aufeinander und entladen sich feierlich inmitten von Freunden, der Familie und Vereinskollegen.

In diesem Sinne: auf ein erfolgreiches, gestärktes und gesundes neues Jahr in Liebe und Teamgeist!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.