Ramona Richter

Die unbewusste Fitness

Mentales Training kann sowohl in verletzungsbedingten als auch Corona-verschuldeten Trainingspausen oder bei ungeplanten Wettkampfs-Einbußen unterstützen. Es hilft dabei, sowohl physisch als auch psychisch fit zu bleiben. Insbesondere bei Ziellosigkeit, Demotivation oder, um seinen Fokus neu auszurichten. Beispielsweise wenn ein verschobener Tag x endlich feststeht und der Trainingsalltag wieder seine geregelten Bahnen annimmt. Mentales Training sollte daher – ähnlich wie die Physiotherapie – Teil dieses Trainingsalltag sein, um die eigene Leistungsfähigkeit zu unterstützen und zu optimieren.

Was versteht man unter Mentalem Training?

Unter Mentalem Training stellen sich die meisten ein „Visualisieren von Bewegungsabläufen“ vor. Auf der einen Seite hat es tatsächlich etwas damit zu tun und man spricht hierbei von dem so genannten „Ideomotorischen Prinzip“, bei man sich bestimmte Bewegungsabläufe bewusst vorstellt und nachempfindet.

Dabei kommt es durch das Visualisieren von An- und Entspannen bestimmter Muskeln nachweislich zu muskulären Reaktionen, Bewegungsimpulsen und einer Bewegungskoordination, was auch als „Carpenter-Effekt“ oder „ideomotorische Reaktion“ bezeichnet wird. Diese Reaktion führt letzten Endes dazu, dass sich die Bewegungsabläufe auch praktisch verbessern.

Die gestärkten psychologischen Fertigkeiten unterstützen nicht nur den Trainingsprozess, sondern verbessern und stabilisieren auch das Leistungspotenzial in Wettkampfsituationen.

Darüber hinaus wirkt sich Mentales Training auf das allgemein seelisch-körperliche Befinden aus. Durch gezielte Techniken kann an der eigenen Einstellung gearbeitet werden, um eine spürbar positiv psychische Spannung zu erzeugen. Diese wirkt sich, ähnlich wie die eigene Motivation, förderlich auf das Leistungspotenzial aus. Genauso hilft es den Sportler*innen ihren Fokus aufrechtzuerhalten, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und Selbstzweifel abzulegen.

Welche Rolle spielt Mentales Training im Alltag von Sportler*innen?

Obwohl noch immer die wenigsten Sportler*innen Mentales Training nutzen – entweder, weil das Wissen darüber fehlt oder sie durch Trainer*in oder Verband nicht geeignete Möglichkeiten aufgezeigt bekommen – sind die Athleten*innen dem Thema gegenüber nicht abgeneigt.

So wie die Mittelstreckenläuferin und Olympionikin Christina Hering (LG Stadtwerke München).

Christina Hering (LG Stadtwerke München) neben ihrem langjährigen Trainer und Münchner Bundesstützpunktleiter Andreas Knauer beim Indoor Meeting in Dortmund 2018. Fotocredit: privat

Die 800m-Läuferin arbeitet seit eineinhalb Jahren mit einem Sportpsychologen zusammen.

Der Kontakt hat sich über den OSP und dank Empfehlungen ergeben. Es tut einfach gut, sich einer externen Person anzuvertrauen und frei von seinen eigenen Gedanken erzählen zu können. Der Gegenüber hat eine neutralere Haltung und sieht die Dinge auch aus einer anderen Perspektive.“

Langstreckenläuferin Miriam Dattke (LG TELIS FINANZ Regensburg) hat ihre eigene mentalen Techniken für sich entdeckt, die mittlerweile auch zu ihrem sportlichen Alltag gehören:

Miriam Dattke (LG TELIS FINANZ Regensburg). Fotocredit: Éric Vazzoler

Ich interessier mich seit circa einem Jahr für das Thema Achtsamkeit. Ich meditiere und mache täglich Yoga.

In Stresssituationen helfen mir kurze Meditationssequenzen sehr. Oder wenn man sich nach einem Training im Anschluss an den Schreibtisch setzt und sich konzentriere muss, hilft mir etwas Yoga, um wieder runterzukommen und den Fokus neu auszurichten.

Die Übungen helfen mir insbesondere in stressigen oder Drucksituationen nicht gleich die Nerven zu verlieren. Ich bin sehr nah am Wasser gebaut, deswegen sind Achtsamkeitsübungen für mich besonders wichtig.“

Wenn der Trainingsplan erst einmal ad acta liegt

Der Corona-Virus hat die eigene Trainingsplanung ziemlich durcheinander gebracht und durch viele Wettkämpfspläne einen fetten Strich gezogen. Auch wenn wir uns seit Mai wieder etappenweise einem „normalen Alltag“ nähern, mussten kurz-, mittel- und langfristige Ziele verschoben werden oder wurden auf eine unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Aber ohne ein aussichtsreiches Wettkampfgeschehen ist auch die eigene Trainingsstrukturierung schwierig.

Wenn der Zeitpunkt, an dem man seine Höchstleistung abliefern muss, nicht klar definiert ist und man sich schwer dieser Leistungsspitze auch mit Test-Wettkämpfen nähern kann, fährt der Körper nicht nur physisch, sondern auch mental erst einmal auf Null runter – Stichwort Motivation. Insbesondere, wenn, wie in diesem Jahr, für viele Spitzensportler*innen mit den Olympischen Spielen in Tokio ein sportliches Großereignis hätte stattfinden sollen.

Viele stellten sich die Frage: Wie soll es jetzt weitergehen und wofür trainiere ich jetzt eigentlich noch?

Junioren Europameister im Triathlon Lasse Lührs (Triathlon Potsdam e.V.) beschreibt zwei Typen von Sportler*innen:

Lasse Lührs bei den Triathlon DM in Berlin 2019. Fotocredit: Thorsten Wroben

Die einen motivieren sich hauptsächlich durch Wettkämpfe. Diese Sportler brauchen Wettkämpfe in naher Zukunft, um den Fokus und die Einstellung nicht zu verlieren. Der andere Typ Sportler trainiert aus Spaß am Sport und am stetigen Besserwerden.

Ich würde mich eher zum zweiten Typ Sportler zählen. Klar fehlen mir die Wettkämpfe in dieser Zeit, aber ich musste mir keine besonderen Strategien überlegen, um motiviert weiter zu trainieren.“

Anders ist es für Christina Hering:

Den Großteil meiner Motivation ziehe ich eigentlich aus Wettkämpfen. Aber ich war selbst von mir überrascht, dass ich mich dann trotzdem neu motivieren konnte und im Training an körperliche Grenzen gegangen bin und weiterhin zielorientiert bin.

Wettkämpfe machen den gewissen Reiz aus

Laura Hottenrott (TV Wattenscheid). Fotocredit: privat

Wenn Langstreckenläuferin Laura Hottenrott (TV Wattenscheid) einen Wettkampf im Kalender stehen hat, bereitet sie sich nicht nur physisch rechtzeitig darauf vor, sondern läuft sich auch mental schon Tage vorher warm:

Für mich ist es immer wichtig, mich im Vorfeld eines Rennens mit dem Wettkampf zu beschäftigen und Rennvideos etc. anzuschauen. Das steigert zwar auch die Nervosität, aber ich brauche das Gefühl der positiven Anspannung vor dem Rennen und bin überzeugt, dass es meine Wettkampfleistung steigert.“

Sich vor Wettkämpfen Rennvideos anzuschauen oder eine bestimmte Playlist auf die Ohren zu setzen – wie man es beispielsweise von Christina Hering kennt – sind ebenfalls Mentale Techniken, um die eigene Motivation zu steigern und um sich auf das Wesentliche im Wettkampf zu konzentrieren.

Mit Hilfe von Mentalen Techniken können negativen Einflussgrößen (wie Leistungsdruck, zu strenge Erwartungen und Selbstzweifel ausgeblendet werden. Bei Wettkämpfen kommt die spürbare Konkurrenz aber auch das laute Zuschauertreiben im Stadion dazu, das sowohl positiv antreiben aber auch ablenken kann. Mentalen Techniken helfen in solchen Momenten, den Fokus allein auf sich und das bevorstehende Rennen zu lenken.

Die 25-Jährige Christina Hering hatte beispielsweise lange Schwierigkeiten damit, das, was sie sich für ihr Rennen vorgenommen hat, auch fokussiert zu verfolgen und sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Zwar habe sie grundsätzlich eine mentale Stärke und könne diese auch in Wettkämpfen abrufen, trotzdem habe sie sich lange damit schwer getan, einfach ihr Ding durchzuziehen.

Im letzten Jahr habe ich es dann aber geschafft, aktiv und unabhängig der anderen Teilnehmer mein Ding zu machen. Natürlich muss man im Rennen auch spontan reagieren, aber ich konnte erstmals wirklich mein Raceplan durchziehen und habe mich Sachen getraut, die ich mir vorher nicht zugetraut hätte, wie mich beispielsweise auch bei internationalen Rennen gleich beim Start vorne einzusortieren. So habe ich mir gleichzeitig das Gedrängel erspart, auch wenn ich ab und an dann auch mit dem Gegenwind zu kämpfen hatte. Oft hatte ich vorher einfach nur zu großen Respekt und mich deshalb lieber zurückgehalten. Genau das konnte ich durch die Unterstützung meines Sportpsychologen ablegen.“

Deshalb setzt Christina Hering rund um einen Wertkampf besonders Wert auf den regelmäßigen Austausch mit ihrem Sportpsychologen.

Wettkämpfe machen also sehr viel aus und beeinflussen das Sportlerleben auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Wie auch das Corona-Virus unser Leben und insbesondere auch das der Sportler auf den Kopf gestellt hat.

Dabei sei Miriam Dattke in den vergangenen Wochen und Monate umso bewusster geworden, dass Leistungssport Luxus bedeutet:

Mir ist auch aufgefallen, wie stark sich alles nach Rennen richtet und wie sehr, dass mein Leben beeinflusst hat. Ich liebe Rennen aber es ist vielleicht auch mal nicht schlecht einen ruhigen Sommer zu haben. Aber ich werde nächstes Jahr mit einem ganz anderen Gefühl zu Wettkämpfen gehen, da sie doch zu einem selbstverständlichen Teil im Leben geworden sind.“

Eine Zeit zum Umdenken

Corona bot uns die Gelegenheit aber auch Zeit, zu reflektieren aber auch kreativ zu werden. Die Zeit und Kapazitäten neu auszunutzen und den Kopf anderweitig einzusetzen und neu auszurichten. Wenn das eine wegfällt, kann man den gewonnen „Platz“ für andere Dingen nutzen und (langfristig) so vielleicht auch so manche Prioritäten verlagern.

Hinweis auf Werbung, aufgrund erkennbarer Marken, Namensnennung und Verlinkungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.